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Wenn Lernende ein Start-up gründen: Wie IWB Innovation von innen lernt
Sie sind zwischen 16 und 18 Jahre alt und verantworten ein echtes Innovationsprojekt. «Metro» zeigt, wie Unternehmertum entsteht, wenn Vertrauen auf Begeisterung trifft. Und was Organisationen dabei über Innovation lernen können.
Was passiert, wenn man Jugendlichen die Verantwortung für ein komplettes Start-up überträgt? Wenn man ihnen erlaubt aus 2400 ausrangierten Strassenleuchten ein funktionierendes Geschäftsmodell zu entwickeln? Das Lernendenprojekt «Metro», das in eine Unternehmensgründung übergeht, gibt die Antwort: Sie rocken die Bühne.
Vom Ersatz zur unternehmerischen Plattform
Im Rahmen der Umrüstung der öffentlichen Beleuchtung auf LED ersetzt IWB zwischen 2025 und 2028 rund 13'500 Strassenleuchten. 2400 davon – vom optisch eleganten Typ «Metro 45» – sind technisch noch intakt. Die entscheidende Frage lautete nicht: Was machen wir mit dem Abfall? Sondern: Was könnte daraus noch entstehen, um Ressourcen zu schonen und die Kreislaufwirtschaft zu fördern?
Diese Beobachtung brachte ein Mitarbeiter über das interne Ideentool von IWB ein. Kein Auftrag, kein Budgetentscheid, kein Business Case. Nur ein Impuls. Doch statt die Idee klassisch zu bewerten, traf IWB einen mutigen Entscheid: Die Lernenden gründen ein «Start-up» basierend auf dem Kreislaufwirtschaftsgedanken – mit allem, was dazugehört.
Begeisterung entsteht durch echte Verantwortung
Im November 2024 fand der erste Workshop im Pumpwerk Lange Erlen statt. 24 Lernende entwickelten Ideen: Waschbecken im Retrostyle, Pflanzenschalen mit App-Steuerung, Stehlampen mit LED-Technologie. Die Teilnahme war freiwillig und das Ergebnis beeindruckend: 15 Lernende wollten weitermachen.
Wer beim Projekt «Metro» mitarbeitete, tat dies nicht aufgrund einer Funktion, sondern aus intrinsischer Motivation. Am zweiten Workshop Ende Januar 2025 konkretisierten drei Gruppen ihre Ideen mit einem Lean Canvas und präsentierten vor 20 Mitarbeitenden im Liberium «Innovation Space». Dies war die erste Iteration mit potenziellen Kunden – echtes unternehmerisches Lernen.
Der schwierigste Teil: Fokussieren und loslassen
Nach der Feedback-Runde entschieden sich die Lernenden für die Stehlampe. Die Vision: Upcycling von alten Basler Strassenlampen zu einzigartigen Designobjekten. Handgefertigt von Lernenden und einem Schild, das den Strassennamen und die GPS-Koordinaten des früheren Standorts zeigt. Ein direkter Bezug zur Geschichte der Stadt.
Im Juni 2025 folgte der Prototypenbau. Die Lernenden durften selbst wählen, in welcher Form sie das Projekt unterstützen: in der Leitung und Planung des Start-ups oder in Rollen wie Design, Konstruktion, Fertigung, Verkauf oder Marketing. Im November folgten zwei weitere Bautage. Der entscheidende Test kam bei Regent Lighting: Erst mit einem Prüfzertifikat darf die Lampe das CE-Label tragen und verkauft werden. Die Lampe wurde elektrisch, so wie auch mechanisch inkl. Standfestigkeit auf Herz und Nieren geprüft.
Von der Begleitung zur Selbstständigkeit
Während des gesamten Prozesses wurden die Lernenden von Olivier Ferilli, Innovationsentwickler bei IWB, und einem Team aus Experten begleitet. Struktur geben, Reflexion einfordern, Entscheidungen unterstützen ohne Lösungen vorzugeben. Seit April 2025 läuft die kontinuierliche Übergabe der Verantwortung vom Kernteam zum Start-up der Lernenden: «reClaire» entstand.
Beim Weihnachtsanlass der IWB im Dezember 2025 präsentierte reClaire das Projekt vor allen Mitarbeitenden. Sie haben die Bühne gerockt. Tosender Applaus war der Lohn für die ausserordentliche Arbeit. Ein Wettbewerb um die erste Lampe rundete die Präsentation ab.
Am Projekt «Metro» wird sichtbar, wie IWB Innovation strukturiert
Impuls: Eine Idee aus dem Alltag
Explore: Möglichkeiten ausloten
Validate: Annahmen testen
Implementation: Anschluss an bestehende Prozesse prüfen
Grow: Weiterentwickeln oder bewusst stoppen
Explore und Exploit gehören dabei zusammen. Neues wird erkundet und Bestehendes weiterentwickelt. Beides hat Platz.
Wie IWB Innovation intern lernt
Das Projekt «Metro» ist mehr als ein Kreislaufwirtschafts-Projekt. Es ist ein Lernlabor für die gesamte Organisation. Denn Innovation wird nicht nur entwickelt, sondern auch gelernt.
Von den Lernenden lernen: Junge Menschen bringen neue Perspektiven, Risikobereitschaft und digitale Selbstverständlichkeit ein. Ihre Begeisterung ist ansteckend.
Verantwortung abgeben als Führungsprinzip: Echte Partizipation entsteht nur, wenn Führungskräfte bereit sind, Kontrolle zu teilen. Das erfordert Mut und Vertrauen.
Scheitern als Lernmöglichkeit: In der Schweiz wird ein Konkurs oft ausschliesslich unter dem Aspekt des Scheiterns betrachtet. Doch in Ländern wie den USA wird eine Firmenpleite eher zu einer positiven Erfahrung, auf die sich Unternehmer stützen können. Bei «Metro» durften Ideen ausprobiert und wieder verworfen werden.
Exploration und Exploitation verbinden: Der Innovationsprozess bei IWB strukturiert sich systematisch: Vom Impuls über Exploration und Validierung bis zur Implementation. Neues wird erkundet und Bestehendes weiterentwickelt.
Die Forschung bestätigt, dass Unternehmertum erlernbar ist
Untersuchungen der ETH Zürich belegen, dass soziale Netzwerke und die Verzahnung von Forschung und Wirtschaft entscheidend für erfolgreiche Firmengründungen sind. In Projektarbeiten lernen Studierende, in Lösungen zu denken und Projekte selbstständig zu führen. Den Mut, Ideen zu verfolgen und dabei auch zu scheitern, fördert die Hochschule aktiv.
Während einige Persönlichkeitseigenschaften wie Risikobereitschaft und Offenheit Unternehmertum fördern, zeigt die internationale Forschung: Durch entsprechende Lehrformate können auch ursprünglich weniger unternehmerische Persönlichkeiten dazu gebracht werden, unternehmerischer zu denken, so Prof. Dr. Nadine Kammerlander von der WHU Otto Beisheim School of Management. Der Amway Global Entrepreneurship Report der TU München ergänzt: Kinder, die dazu motiviert werden, Erfolge zu erzielen, bilden einen sogenannten Promotion-Fokus aus, der sich positiv auf Unternehmertum auswirkt.
Genau hier setzt IWB mit «Metro» an.
(Foto: Julian Salinas)
Wir möchten, dass unsere Lernenden möglichst viel aus ihrer Ausbildung mitnehmen. Die Aneignung von Skills wie z.B. kritisches Denken, Agilität oder Selbstmanagement bereiten sie wirklich auf die Arbeitswelt vor.
Was «Metro» über die Erlernbarkeit von Unternehmertum zeigt
Bei «Metro» ging es nie nur um alte Lampen. Es ging darum, Lernenden zu zeigen: Ihr könnt das. Eure Ideen zählen. Eure Arbeit hat Wert.
«Metro» ist als Pilotprojekt angelegt. Parallel dazu arbeitet IWB daran, wie interdisziplinäre Zusammenarbeit, Eigenverantwortung und unternehmerisches Lernen künftig noch gezielter gefördert werden kann. Weitere Projekte sind bereits in Vorbereitung. Doch eine Erkenntnis lässt sich schon heute festhalten: Während nur rund 40 % der Schweizer Erwerbsbevölkerung Unternehmertum als attraktive Karriereoption wahrnehmen, zeigt «Metro», dass es möglich ist, junge Menschen für unternehmerisches Denken zu begeistern.
Unternehmertum ist damit weniger eine Frage von Talent oder Alter als von Rahmenbedingungen. Es lässt sich lernen: nicht durch Theorie, sondern durch Tun; nicht durch Kontrolle, sondern durch Vertrauen; und nicht durch perfekte Planung, sondern durch den Mut, jungen Menschen eine echte Plattform zu geben.
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