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Klimadreh
Magazin

Menschen & Energie

Hortus beweist das Unmögliche – und sorgt für ein Umdenken beim nachhaltigen Bauen

Solarfassade am Gebäude "Hortus" bei Allschwil vor den Toren zu Basel.
Das Plusenergiegebäude Hortus gibt dank seiner Bauweise und 3'600 Solarmodulen in 31 Jahren seine gesamte graue Erstellungsenergie zurück. Foto: Herzog & de Meuron

Auf den ersten Blick wirkt dieser Bau mit rund 600 Arbeitsplätzen fast gewöhnlich, uniform, einer von mehreren kubischen Neubauten auf dem Main Campus Gelände in Allschwil. Doch das täuscht. Nichts an Hortus ist gewöhnlich, nichts wurde dem Zufall überlassen, nichts entspricht bisher Gekanntem. Denn der mehrfach preisgekrönte Bau ist das nachhaltigste Gebäude der Schweiz.

«Es war einmal [...] auf einem Areal in Allschwil. ‚Hier soll ein Leuchtturm der Nachhaltigkeit entstehen‘, sagte die Bauherrin Senn zu ihren Haustechnikern, den Architektinnen von Herzog & de Meuron und den Ingenieuren von ZPF. ‚Er soll genug Sonne ernten, um die verbaute Energie in einer Generation zurückzuzahlen. Danach soll er als Kraftwerk weiterleben und schliesslich auf dem Kompost enden. Die Menschen, die hier arbeiten, sollen sich wohlfühlen. Und natürlich will ich gut verdienen dabei. Plant mir also diesen Tausendsassa. Er soll Hortus heissen – house of research, technology, utopia and sustainability.‘»

Aus: Website der Architektur-Plattform Hochparterre

Jacques Herzog

Gründungspartner von Herzog & de Meuron

Diese Architektursprache erschliesst mit grossem Selbstbewusstsein eine neue Welt.

Und so war die Devise klar: Nachhaltigkeit first. Nicht Funktion, nicht Ästhetik. Eine Holz-Lehm-Tragstruktur ersetzte Beton und Stahl. Die Wärme stammt tief aus dem Allschwiler Boden und die Energie wird auf dem Dach und der Fassade produziert. Und wie so oft in Kunst oder Architektur führten Limitationen zu neuen Lösungen: Die Fassade wurde schwarz, weil schwarze Module mehr Strom erzeugen als eingefärbte und der Glasanteil am Gebäude wurde reduziert, um den Energieverlust zu reduzieren. Jacques Herzog von Herzog & de Meuron sieht darin eine Chance für Innovation: «Diese Architektursprache erschliesst mit grossem Selbstbewusstsein eine neue Welt.»

Hortus als Kraftwerk

Der Plan, den energetischen Abdruck des Gebäudes zu neutralisieren, führte Herzog & de Meuron zur IWB-Tochter Planeco. Doch Standardmodule erfüllten die hohen Anforderungen nicht. «Der Schweizer Hersteller Megasol hat Spezialmodule mit einer dünneren Glasschicht entwickelt, um die graue Energie auch bei der Modulproduktion zu senken», erklärt Christian Carpaji, Co-Geschäftsführer von Planeco, die die Anlage geplant und realisiert hat. Insgesamt 3‘600 dieser Module wurden auf einer Fläche von 5 000 m² auf dem Dach, an der Fassade und über den hofseitigen oberen Geschossen des Gebäudes verbaut. Rund 800 000 kWh Strom produziert die Photovoltaik-Anlage jährlich. Etwa 30 % davon werden durch die Mietparteien im Gebäude verbraucht, 40 % des Stroms fliesst mittels eines Zusammenschlusses zum Eigenverbrauch (ZEV) ins Parkhaus des Main Campus, bald auch ins Nebengebäude und der Überschuss wird dem lokalen Energieversorger verkauft.

Neben ihrer ästhetischen Wirkung trägt die Photovoltaikanlage wesentlich dazu bei, dass Hortus seine graue Energie über eine Zeitspanne von 31 Jahren selbst kompensieren kann – und dies, obwohl der Strom, den andere nutzen, nicht angerechnet werden darf.

Planeco hat die Anlage geplant, die Module fachgerecht verschaltet und die Anlage bis und mit Wechselrichter realisiert. In diesem Video erfahren Sie durch Alexander Franz (Architekt bei HdM) was das Projekt so radikal nachhaltig macht. Foto: Planeco

Ambitionierte Ziele

Die Bauherrin Senn Resources gab die ambitionierten Nachhaltigkeitsziele vor. Diese basierten auf dem SIA-Effizienzpfad, der vorschreibt, vorrangig regenerative Materialien zu verwenden. Jedes Teil musste wiederverwendbar, reparierbar, recycel- oder kompostierbar sein. Die Bauingenieure von ZPF entwickelten eine Holz-Lehm-Tragstruktur und schufen damit die technischen und konstruktiven Grundlagen, um die radikalen Nachhaltigkeitsvorgaben der Bauherrin Senn zu erfüllen. Auch Herzog & de Meuron nahm die Challenge an und gründete eine eigene Nachhaltigkeitsabteilung. «Die Vision war ein radikal nachhaltiges Gesamtkonzept, welches auf der einen Seite maximale Ressourceneffizienz ermöglichte und auf der anderen Seite den energetischen Abdruck des Gebäudes neutralisierte», sagt Alexander Franz, Associate bei Herzog & de Meuron. Jedes Bauteil steht für die Kreislaufwirtschaft. Einige stammen bereits aus der Wiederverwertung, während andere von zukünftigen Generationen wiederverwertet oder in die Natur zurückgeführt werden können. Doch damit nicht genug: Das Gebäude musste auch rentabel und sozial nachhaltig sein.

Wie wird nachhaltige Architektur zum Treiber wirtschaftlicher Rentabilität?

Ausgangspunkt für die Realisierung des Projekts durch die Bauherrin Senn waren eine Standortanalyse und Rentabilitätsberechnungen von Dr. Julia Selberherr, Partner und Immobilienexpertin bei Wüest Partner. Die Nachfrage bestätigt ihre Analyse: Schon bei der Eröffnung waren alle Einheiten vermietet, und das bei einem hohen Büroleerstand in der Region. Doch erstaunlich ist das nicht: Die rundherum überdachte Holzveranda, das bepflanzte Atrium, die kraftvolle und zugleich ruhige Architektursprache, das ausgeglichene Raumklima durch die Lehmdecken – all dies schafft eine Arbeitsumgebung, die zugleich Erholungsort und Nahrung für die Sinne ist. «Nachhaltigkeit ist ein Differenzierungsmerkmal, das wichtiger wird», sagt Dr. Julia Selberherr. Interessant sei auch der Sharing-Economy-Ansatz der Bauherrin Senn: «Alle Mietparteien können sich im Erdgeschoss den ganzen Tag aufhalten und dort auch Besprechungsräume mieten.» Dadurch reduziere sich die exklusiv vermietete Fläche und die Räume würden besser genutzt.

Gebäude mit PV-Fassade und begrüntem Innenhof
Der begrünte Innenhof und die überdachte Laube laden zum Verweilen ein. Foto: Herzog & de Meuron

Dr. Julia Selberherr

Partner und Immobilienexpertin bei Wüest Partner

Hortus hat eine starke Vorbildwirkung, weil man sieht: Das kann gelingen!

Sind Nachhaltigkeit und Design kein Widerspruch mehr?

Bisher waren Nachhaltigkeit und Design ein Widerspruch. Doch dieses Projekt leitet ein neues Zeitalter ein. «Es ist ein Durchbruch, der in der Architekturwelt nicht unbemerkt bleibt», sagt Christian Carpaji und ergänzt stolz: «Und wir von Planeco sind Teil davon». Er freut sich, wenn Nachhaltigkeit in Zukunft konsequent mitgedacht und vielleicht sogar zum neuen Normal wird. Auch Dr. Julia Selberherr sieht Potenzial: «Hortus hat eine starke Vorbildwirkung, weil man sieht: Das kann gelingen!» Auch bei Senn selbst wirkte das Projekt wegbereitend: «Wir haben bei Hortus gelernt, wie man Nachhaltigkeitsziele in den entwicklerischen Kernprozess integriert», sagt Dr. Johannes Eisenhut, Mitglied der Geschäftsleitung bei Senn. «Dafür haben wir eine eigene Nachhaltigkeitslandkarte entwickelt, die sogenannten ‚6 Positives‘, über die wir den Prozess steuern.» Das habe die Art und Weise, wie Senn an Projekte herangehe, massgeblich verändert. 

Christian Carpaji

Co-Geschäftsführer von Planeco

Dieses Projekt bleibt in der Architekturwelt nicht unbemerkt– und wir sind Teil davon.
Raumaufnahme vom Projekt Hortus mit klarer Stilistik aus Holz, Lehm und re-use Materialien
Holz, Lehm und regionale Re-Use-Materialien prägen die Ästhetik und das Raumklima des Projekts. Foto: Herzog & de Meuron

Start in eine neue Ära

Mitte Juni 2025 wurde Hortus eröffnet. Auf einer Nutzfläche von über 10.000 m² wurde ein Bürogebäude realisiert, das auf Kreislaufwirtschaft, natürlichen Baustoffen und einem durchdachten Energiekonzept basiert. Das Gebäude beweist, dass radikale Nachhaltigkeit und atmosphärische Architektur kein Widerspruch sein müssen. 86 % der verwendeten Materialien sind erneuerbar, die Emissionen beim Bau lagen unter der SIA-Norm, die Betriebsenergie ist nur halb so hoch wie im SIA-Merkblatt 2040 vorgesehen und die hauseigene Stromproduktion versorgt nicht nur das Gebäude selbst, sondern auch die Umgebung mit nachhaltiger Energie.

Und das Beste daran: Wenn Dr. Julia Selberherr, Christian Carpaji, Dr. Johannes Eisenhut und Alexander Franz Recht behalten, dann ist dies erst der Anfang einer neuen Ära im nachhaltigen und emissionsarmen Bauen.