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Im Gespräch

«Service public ist materielle Solidarität»

Prof. Dr. Dirk Helbing vor einem Bücherregal mit Büchern in allen Farben.
Dirk Helbing ist Professor für Computational Social Science am Departement für Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften der ETH Zürich. (Fotos: Kilian Kessler)

Wärmeversorgung: Service public hat viele Gesichter. Doch wie wird er wahrgenommen, und was bedeutet er für eine Gesellschaft? Prof. Dr. Dirk Helbing von der ETH Zürich erklärt die Hintergründe.

Herr Professor Helbing, warum nehmen Menschen funktionierende Infrastruktur meist erst wahr, wenn sie ausfällt?

Das ist ein typisches Phänomen. Infrastruktur ist dann am erfolgreichsten, wenn man nicht auf sie achten muss. Solange Strom aus der Steckdose kommt, Wasser aus dem Hahn fliesst, die Bahn fährt und das Internet funktioniert, denken wir kaum darüber nach. Erst wenn etwas ausfällt, wird uns bewusst, wie stark unser Alltag von diesen Systemen abhängt. 

Was genau ist denn Service public?

Service public umfasst Leistungen, die für das Funktionieren einer Gesellschaft essenziell sind. Sie sollten deshalb verlässlich, diskriminierungsfrei, leicht zugänglich und bezahlbar bereitgestellt werden – unabhängig davon, ob sie unmittelbar profitabel sind. Dazu gehören klassische Infrastrukturen wie Energieversorgung, Wasser, Verkehr oder Kommunikation, auf denen Wirtschaft und Gesellschaft aufbauen. 

Was ist Service public ausser Grundversorgung?

Es gibt da noch die Kohäsionsfunktion: Service public verbindet Menschen und Regionen und trägt zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Denken Sie nur an das Image und die Bedeutung der Schweizer Busse und Bahnen. Darüber hinaus erfüllt Service public eine Legitimationsfunktion: Wenn öffentliche Leistungen gut funktionieren, stärkt dies das Vertrauen der Bevölkerung in Staat und Institutionen.

Wie hat sich das Verständnis verändert?

Früher wurde Service public vor allem als Versorgungspflicht verstanden. Die Frage lautete: Ist eine Leistung überhaupt vorhanden? Heute genügt das nicht mehr. Die Menschen erwarten Qualität. Es reicht nicht, dass ein Zug fährt – er soll pünktlich und sauber sein. Es reicht nicht, dass es Internet gibt – es soll schnell, zuverlässig und sicher sein. Aus einer Grundversorgung ist zunehmend ein Qualitätsversprechen geworden.

Warum ist Service public in der Schweiz besonders wichtig?

Gerade in der Schweiz sind die Erwartungen entsprechend hoch. Der Service public wird in der Schweiz und in Europa nicht nur als notwendige Infrastruktur wahrgenommen, sondern auch als Ausdruck eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses.

Was unterscheidet die Schweiz vom Ausland? 

Im Ausland wurden gewisse Bereiche stärker privatisiert. Die Erfahrungen damit sind gemischt. Gerade bei der Bahn zeigt sich, dass reine Marktlogik nicht immer zu den gewünschten Ergebnissen führt. Wo Investitionen in Unterhalt und Qualität vernachlässigt werden, leidet langfristig die Infrastruktur. Gleichzeitig schwindet das Vertrauen der Bevölkerung in die staatlichen Institutionen. Ein bekanntes Beispiel ist die Deutsche Bahn, deren Probleme mittlerweile leider als symptomatisch für ganz Deutschland gelten.

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Welche Botschaft vermittelt Service public?

Grosszügiger Service public sendet ein Signal. Er vermittelt den Menschen: Diese Gesellschaft investiert in ihre Zukunft, in Qualität und in ihre Bürgerinnen und Bürger. Wird dagegen nur das Nötigste bereitgestellt, entstehen oft gegenteilige Effekte. Die Leistungen funktionieren vielleicht noch, vermitteln aber keine Wertschätzung und keine gemeinsame Vision. 

Was ist Pflicht und was ein Nice-to-have?

Das lässt sich nicht immer eindeutig trennen. Natürlich gibt es Kernaufgaben. Doch viele Dinge, die zunächst als Luxus erscheinen, entfalten langfristig einen grossen Nutzen. Ein gutes Beispiel sind grosszügig geplante öffentliche Räume oder hochwertige Bahnhöfe. Solche Infrastrukturen bieten oft über Jahrzehnte hinweg Nutzungsmöglichkeiten, die ursprünglich gar nicht vorgesehen waren. Was zunächst bloss ein Nice-to-have war, kann sich später als entscheidender Standortvorteil erweisen.  

Was wäre heute so ein künftiger Standortvorteil?

Öffentliche Parks mit grossen, gut gepflegten Bäumen und vielfältiger Bodenbepflanzung oder als Alleen gestaltete Strassen werden in einem zunehmend heisseren Stadtklima immer wichtiger. Sie sorgen im Sommer für deutlich kühlere Temperaturen und verhindern, dass sich Fassaden zu stark aufheizen. Hier kann guter Service public sogar direkten Einfluss auf die Immobilienpreise und somit auf private Vermögen haben.

Dirk Helbing

Dirk Helbing

Professor für Computational Social Science am Departement für Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften der ETH Zürich.

Viele wirtschaftliche Erfolge beruhen auf Investitionen, die Jahrzehnte zuvor getätigt wurden.

Stimmt die Aussage, dass sich Grosszügigkeit immer auszahlt?

Nicht immer, aber häufig schon. Grosszügigkeit schafft Spielräume für zukünftige Entwicklungen. Wer Infrastruktur nur auf den aktuellen Bedarf auslegt, stösst schnell an Grenzen. Wer dagegen Reserven schafft, ermöglicht Anpassungsfähigkeit, Resilienz und Innovation. 

Welche Rolle spielt Service public für Unternehmen?

Eine zentrale. Unternehmen können nur erfolgreich sein, wenn die grundlegenden Rahmenbedingungen funktionieren. Strom, Verkehrswege, Telekommunikation, Bildungssysteme und Rechtssicherheit sind wichtige Grundlagen wirtschaftlicher Tätigkeit. In diesem Sinn ist Service public eine Funktionsvoraussetzung. Viele wirtschaftliche Erfolge beruhen letztlich auf öffentlichen Investitionen, die Jahrzehnte zuvor getätigt wurden.  

Was hält eine Gesellschaft zusammen, wenn Strom, Wasser oder Kommunikation ausfallen?

Gerade in solchen Situationen wird deutlich, dass In­frastruktur nur ein Teil des Ganzen ist. Ebenso wichtig sind Vertrauen, Solidarität und soziale Netzwerke. Eine Gesellschaft hält Krisen dann aus, wenn Menschen Institutionen grundsätzlich vertrauen und bereit sind, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Service public schafft deshalb nicht nur technische Versorgung, sondern auch gesellschaftliches Kapital. Er ist die materielle Form von Solidarität. 

Wie verändert sich der Service public in einer sich wandelnden Gesellschaft?

Während die Industriegesellschaft vor allem Strassen, Bahnnetze und Energieversorgung benötigte, kamen später Schulen, Universitäten, Bibliotheken und kulturelle Einrichtungen hinzu. Heute stehen wir im Informationszeitalter. Deshalb gehören zunehmend auch digitale Infrastrukturen, Datensouveränität und vertrauenswürdige Informationsräume zum Service public.

Was bedeutet Service public für die Datensouveränität?

Digitale Souveränität ist die nächste Herausforderung. Hier gibt es einen gigantischen Nachholbedarf. Es braucht öffentliche Cloud-Systeme und nicht manipulative Suchmaschinen, frei zugängliche öffentliche Daten (Open Data) sowie öffentliche KI-Angebote. Wir haben diese Bereiche in den vergangenen Jahren Milliardären und ihren Konzernen in anderen Ländern überlassen.

Welche Folgen hat diese Abhängigkeit?

Sie hat uns abhängig und verwundbar gemacht. Die Folgen zeigen sich heute unter anderem in massiven Desinformationskampagnen in sozialen Medien, die einen faktenorientierten und konstruktiven Dialog – und damit auch die Demokratie – untergraben. Ein erweiterter Service-public-Gedanke hätte dieser Entwicklung entgegenwirken können. Hier müssen wir unbedingt handeln. 

Zur Person

Dirk Helbing ist Professor für Computational Social Science am Departement für Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften der ETH Zürich. Er befasst sich mit der digitalen Gesellschaft und Smart Cities. An der TU Delft koordinierte er das Doktorandenprogramm «Engineering Social Technologies for a Responsible Digital Future».