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Energiegeschichten
Versorgung mit Aussicht: der Wasserturm auf dem Bruderholz
Der Wasserturm auf dem Bruderholz wird 100 Jahre alt. Er entstand in einer Zeit, als Infrastruktur mit viel Liebe zum Detail gebaut wurde und man sich heftig um Stil und Design stritt.
Wasserturm mit Aussicht
Wasser fliesst mit kräftigem Strahl in Basel. Egal ob aus dem Wasserhahn in der Küche, aus den vielen Brunnen der Stadt, aus den Strahlrohren der Feuerwehr oder aus dem Gartenschlauch. Doch jeder Wasserstrahl benötigt Druck. Den erzeugt meist ein hochgelegenes Reservoir. Das ist auch in Basel nicht anders. Hier ist es unter anderem ein Turm mit spektakulärer Aussicht.
Mehr Druck durch einen Turm
«Man kann sich das Reservoir da oben im Wasserturm vorstellen wie ein grosses, dickes Willisauer Ringli», erzählt Thomas Meier, Leiter Produktion Wasser bei IWB und für den Turm verantwortlich. Die Versorgung der Stadt mit Stadtgas und Wasser im 19. Jahrhundert sind die Ursprünge von IWB, und so waren schon die Vorgängerorganisationen für den Bau des Turms verantwortlich.
Thomas Meier steigt eine der beiden Treppen hinauf, die sich entlang der Aussenwand des Wasserturms auf dem Bruderholz zum Aussichtsraum hochwindet. Das Willisauer Ringli ist das ringförmige Reservoir ganz oben im Wasserturm. Es liegt 30 Meter über Boden und enthält 320 Kubikmeter Wasser. Durch dessen Mitte führt eine Wendeltreppe, umgeben vom Reservoir, zur Aussichtsplattform.
Den Wasserturm selbst erleben
Zum Jubiläum des Wasserturms finden von Juni bis September szenische Rundgänge mit Salomé Jantz und David Bröckelmann statt. Ausserdem führt IWB im September mehrere Fachführungen durch.
Erfahren Sie mehr über die Termine: iwb.ch/wasserturm
Wohnen mit Wasserdruck
Von dort hat man einen fantastischen Blick über die Stadt und Richtung Jura, Schwarzwald und die Vogesen – Infrastruktur als Monument und Attraktion. Nötig wurde der Turm, als die Basler Bevölkerung ab der Jahrhundertwende immer mehr Gefallen am Wohnen am Hang fand und die Siedlungen immer höher den Hang hinaufkrochen. Und zu einer guten Wohnlage gehörte schon zur Jahrhundertwende eine gute Wasserversorgung.
John Moores Springbrunnen
Die Basis dafür hatte Basel ab 1866 gelegt, mit der Erschliessung von Quellwasservorkommen im Laufental, die ursprünglich nur zusätzliche Brunnen in der Stadt hätten speisen sollen. Doch der herbeigezogene britische Wasserbauingenieur John Moore hielt das für veraltet. Er schlug ein hochgelegenes Reservoir vor, das für so viel Druck sorgen sollte, dass das Wasser auch im vierten Stock der Häuser in der Stadt mit kräftigem Strahl aus den Wasserhähnen fliessen würde und niemand mehr das Wasser hinauftragen müsste – eine geradezu unerhört moderne Idee in einer Welt von Brunnen und Wassereimern.
Entscheidendes Argument für Moores Konzept war, dass das Wasser durch den Bau eines Drucknetzes höher spritzte als jede damals verfügbare Feuerspritze. Um dies zu beweisen, baute er auf dem Aeschenplatz einen Springbrunnen, dessen Fontäne bei der Einweihung der Wasserversorgung am 12. April 1866 über 47 Meter hoch stieg. Innerhalb von 30 Jahren wandelte sich das Basler Druckwassernetz von der Sensation zur Selbstverständlichkeit, und die Reservoire mussten den Häusern vorausgebaut werden – immer etwas höher am Hang –, um allen kommenden Neubauten genügend Druck zu bieten.
Grösste Lebensmittelfabrik
Als 1906 ein Reservoir auf dem Bruderholz gebaut wurde, entstand gleichzeitig auch das Fundament für einen Wasserturm. Der heutige Wasserturm sollte schliesslich neben dem knapp 20 Jahre alten Reservoir entstehen, denn dem alten Fundament traute man dann doch nicht. Heute sind Turm und unterirdisches Reservoir, das um zwei Kammern ergänzt wurde, miteinander verbunden. Die labyrinthische Anlage fühlt sich an wie ein Baum, dessen Wurzeln genauso weit in die Tiefe reichen wie seine Äste in die Höhe.
Thomas Meier führt durch eine klinisch saubere, permanent überwachte Welt aus Chromstahlleitungen, Ventilen und Sensoren. Die Wasserversorgung ist Basels grösste Lebensmittelfabrik. Die Reservoire sind hermetisch abgedichtet und nur durch Schaugläser einsehbar. Wenn der Wasserstand sinkt, wird die Luft durch grosse Filteranlagen angesaugt, damit auf keinen Fall Keime ins Wasser gelangen. «Wir sind deshalb auch besonders vorsichtig beim Reinigen der Kammern», erklärt Thomas Meier. «Denn jedes Mal, wenn wir ein Reservoir öffnen, besteht auch die Gefahr, dass wir Keime hineinbringen.
Man kann sich das Reservoir im Wasserturm vorstellen wie ein grosses, dickes Willisauer Ringli.
Tradition gewinnt gegen Bauhaus
Mit dem Entscheid zum Bau des Wasser- und Aussichtsturms auf dem Bruderholz entbrannte sofort eine heftige Diskussion über die Form eines modernen Wasserturms. Die «wilden 1920er» waren die Zeit der Erneuerung, des Bauhaus-Stils und des reduzierten Designs.
Der Basler Architekt Hans Schmid schlug einen radikal modernen Wasser- und Aussichtsturm vor, der mit einer offenen Betonstruktur alle Funktionen des Turms nach aussen zeigen sollte. Die Aussichtsplattform wollte er mit einem spektakulären, vollverglasten freistehenden Treppenhaus erschliessen – viel Spass beim Scheibenputzen hoch über einer kohlebeheizten Chemieindustriestadt mit berühmt-berüchtigt schlechter Luft.
Monument oder Maschine?
Schmid begründete seinen radikalen Vorschlag mit einer für die Zeit typischen mathematischen Formel: Bauen geteilt durch Gewicht = Technik; Bauen mal Gewicht = Monumentik. Er argumentierte, dass sein Turm bei gleichem Speichervolumen nur ein Drittel der Materialmenge benötige. Doch die Hausarchitekten der damaligen Basler Gas- und Wasserwerke, E. Vischer Architekten, bauten schliesslich den äusserlich konventionellen, monumentalen Turm, der lediglich innen auf einem damals sehr modernen, schlanken Stahlbetonskelett steht. Ihm fehlt der radikale Designansatz des Gegenvorschlags.
Als Referenz an den Bauhaus-Anspruch, der mit der Gestaltung immer auch die technische Funktion darstellen wollte, zeigen zwei Steinfriese über dem Aussichtsraum und unter der Aussichtsplattform exakt den Standort und die Dimension des Reservoirs. Das Willisauer Ringli ist auch von aussen sichtbar.
Ausgefeiltes Drucksystem
So ist der Wasserturm – zusammen mit einem Reservoir aussen am Fernsehturm Chrischona – heute die Spitze eines ausgefeilten Systems von Druckzonen und miteinander verbundenen Reservoiren. Dank dieses Systems gibt es auch in den höchstgelegenen Häusern von Basel-Stadt, Bettingen, Binningen und Riehen stabilen Wasserdruck. Eine Leitung führt unter dem Talboden und dem Birsig hindurch auf die Binninger Höhe. So sieht man vom Turm mit Aussicht aus nicht nur die Landschaft um Basel, sondern auch all die Häuser, in denen sein Druck für einen kräftigen Wasserstrahl sorgt – sei es zum Duschen oder um den Garten zu wässern.
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