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Klimadreh
Magazin

Energiegeschichten

Die Sonnenschildkröte

Photovoltaik

Eine Solaranlage, deren Form an einen Schildkrötenpanzer erinnert, umringt von grünen Bäumen.
Die Schildkrötenform der PV-Anlage auf der ehemaligen Deponie fängt Licht von frühmorgens bis spätabends ein. So verteilt sich die Stromproduktion über den ganzen Tag. (Fotos: Christian Aeberhard)

Auf der ehemaligen Kehrichtdeponie KELSAG in Liesberg ist eine grosse Freiflächen-Solaranlage entstanden – nach intensiven Diskussionen um den Wert von Land, Landschaft und Energie.

«Jedes Mal, wenn ich hier vorbeifahre, denke ich an einen Schildkrötenpanzer», erzählt Pascal Semlitsch, bei IWB verantwortlich für die neue Freiflächen-Solaranlage auf dem Gelände der ehemaligen Kehrichtdeponie der KELSAG in Liesberg. Und wie bei der Schildkröte gibt es unter diesem Panzer komplexes Leben, das vom Panzer gleichzeitig geschützt, gefördert und behindert wird.

Wo sonst, wenn nicht hier?

Freiflächen-Solaranlagen waren in der Schweiz im Gegensatz zu den europäischen Nachbarländern lange verpönt. Es mache wenig Sinn, die knappen Flächen des Landes mit Solaranlagen zuzustellen, solange nicht alle Dächer PV-Panels trügen, war der Tenor. Diese Meinung begann sich Anfang der 2020er-Jahre zu drehen, als der «Solarexpress» von Bund und Parlament den Bau von grossen PV-Anlagen in den Alpen angestossen hatte. Aber wenn in den Alpen – weshalb kann eine solche Anlage nicht auch auf einer ehemaligen Kehrichtdeponie stehen?

Sicht von oben auf die PV-Anlage
Die PV-Anlage auf der ehemaligen Deponie erfasst das Licht von frühmorgens bis zum späten Abend. Dank der 270-Grad-Ausrichtung Ost bis West ergibt sich eine bessere Produktionsverteilung über den Tag als bei nur nach Süd ausgerichteten Anlagen.

Die KELSAG in Liesberg wurde 1976 von 6 Gemeinden aus dem Schwarzbubenland, dem Laufental und dem Kanton Jura als AG gegründet. Heute sind 33 Gemeinden Aktionäre der KELSAG. Ziel war eine gemeinsame, kontrollierte, abgedichtete und mit einem Drainagesystem ausgerüstete Deponie, wie ihr Geschäftsführer Edmund Frey Kuron erklärt. Sie ersetzte die vielen informellen «Drecklöcher», die es früher in jedem Dorf gab. Die Deponie war somit ökologisch ein riesiger Fortschritt und sollte für 30 Jahre den Kehricht der Gemeinden aufnehmen.

Strom für 1000 Haushalte

Doch schon 15 Jahre später kamen das Deponieverbot und die Verbrennungspflicht. Die Anlage wurde zum Umschlagplatz, der Kehricht wurde für die Verbrennung nach Basel geschickt. Statt mit Kehricht füllte man die Deponie bis 2016 mit der Verbrennungsschlacke der Kehrichtverbrennungsanlage in Basel weiter auf.

Ende 2020 war die Rekultivierung des Geländes abgeschlossen. Die Idee einer PV-Anlage hatte der Verwaltungsrat der KELSAG bereits 2007 anlässlich einer Klausurtagung diskutiert – mit Blick auf die Zeit nach der vollständigen Auffüllung der Deponie. Diese Idee hat sich nun konkretisiert: Seit vergangenem Herbst entsteht in Liesberg eine Freiflächenanlage, die dereinst Strom für 1000 Haushalte produzieren wird.

Pascale Steck

Pascale Steck

Geschäftsleiterin WWF Region Basel

Bei meinem letzten Besuch flogen hier ein Rotschwanz und ein Zaunkönig unmittelbar beim Bagger umher.

Ökologische Flächen sind gesucht

«Etwas lebt da immer», sagt Pascale Steck vom WWF Region Basel. Ihre Organisation hatte zusammen mit Pro Natura und BirdLife gegen die ersten Solarpläne auf der Deponie Einsprache erhoben. Denn auf dem mehrere Hektaren grossen Gebiet der Deponie haben sich seit dem Ende des Deponiebetriebs viele kleine ökologische Nischen gebildet – Amphibien und Vögel, denen die Machenschaften der Menschen oft ziemlich egal sind.

«In Kiesgruben leben Kreuzkröten unmittelbar neben dem aktiven Kiesabbau. Und bei meinem letzten Besuch hier in Liesberg flogen ein Rotschwanz und ein Zaunkönig unmittelbar beim Bagger herum, der die Pfähle gesetzt hat», erzählt sie.

7600 Panels, präzise verankert

Denn der Schildkrötenpanzer besteht aus 7600 Solarpanels und steht auf Hunderten stählernen Pfählen, die ein mit einem hochpräzisen GPS-Gerät ausgerüsteter Bagger zentimetergenau in den Boden gerammt hat – anderthalb bis maximal drei Meter tief.

Die PV-Anlage in Liesberg von oben präsentiert sich wie ein grosser Schildkrötenpanzer.
Wie ein grosser Schildkrötenpanzer präsentiert sich die Solaranlage in der Landschaft. Der breite unbebaute Streifen entlang dem Felsband und der offene Korridor in der Mitte der Anlage sollen Tiere dazu animieren, innerhalb und in nächster Nähe der Solaranlage zu leben und sich auch in Richtung Birs zu bewegen.

«Im Gegensatz zu anderen Freiflächenanlagen wird diese Fläche im Rahmen der Nachsorge der Deponie auf Bewegungen überprüft, und wir wissen, wie der Boden zusammengesetzt ist. So konnten wir abhängig vom Standort die passende Pfahllänge wählen, damit die Tische während der gesamten Betriebszeit fest im Boden verankert sind», erklärt Pascal Semlitsch. An anderen, stärker aufgeschütteten Stellen ist der Boden dagegen teilweise noch sehr weich und hat sich nur wenig gesetzt.

Edmund Frey Kuron

Edmund Frey Kuron

Geschäftsführer der KELSAG

Deponien gelten wegen kontaminiertem und instabilem Boden nicht als bevorzugte Wohnstandorte, werden aber umfassend überwacht.

Kaum ein Grundstück wird so genau überwacht

Deponien sind sehr schlechte und gleichzeitig hervorragende Baugrundstücke für Infrastruktur. «Eine Deponie ist kein bevorzugter Wohnstandort: Der Boden ist kontaminiert und häufig instabil. Zugleich gibt es kaum andere Grundstücke, die derart umfassend untersucht, überwacht und dokumentiert sind», erzählt Edmund Frey Kuron.

Er zeigt die säuberlich beschrifteten Abwasserleitungen oder auch die übers ganze Gebiet verstreuten Gasbrunnen, die das auch nach 26 Jahren noch immer austretende, klimawirksame Deponiegas auffangen und zu einer Verglühungsanlage leiten.

Einfacher als in den Alpen

Die Panels sind hier viel tiefer über dem Boden als bei den neuen PV-Anlagen in den Alpen. Aufgrund der erwarteten Schneehöhe muss die Unterkante der Panels dort rund vier Meter über dem Boden liegen, während hier anderthalb Meter reichen – daher der Eindruck der Schildkröte. Entsprechend ist der Bau hier viel günstiger. «Wir können mit Standardsystemen arbeiten, brauchen viel weniger Material und haben einen einfachen Zugang», erklärt Pascal Semlitsch.

Allerdings ist gegenüber den alpinen Anlagen der begehrte Winteranteil der Stromproduktion in Liesberg mit etwa 30 Prozent der Produktion viel kleiner: Es fehlt der Schnee, der die Sonne reflektiert. Und diese versteckt sich dann im Winter auch noch teilweise hinter den sehr nahe aufragenden Jurahöhen auf der gegenüberliegenden Talseite der Anlage.

Pascal Semlitsch

Pascal Semlitsch

Leiter Investitionen Erneuerbare Energien von IWB

Die ehemalige Deponie wird permanent überwacht. Darum wissen wir im Gegensatz zu anderen Freiflächenanlagen genau, wie der Boden zusammengesetzt ist.

Was wird neu und was kommt zurück?

Pascale Steck runzelt die Stirn beim Anblick der Anlage. «Es hat schon sehr grosse Erdverschiebungen gegeben», sagt sie. Das ist auch etwas, das ihr ein wenig Sorgen macht. Denn der Revierförster hat in jahrelanger Kleinarbeit eingeschleppte ortsfremde Pflanzen, die Neophyten, weitgehend ausgerottet. Sie kamen mit dem Rekultivierungsmaterial in die Deponie und auch durch Samenflug. Die vielen Erdarbeiten könnten diese Arbeiten nun wieder zunichtegemacht haben, wenn dadurch viele bisher tief vergrabene Samen an die Oberfläche gekommen sind.

Biotop unter den PV-Panels
Auf dem höchsten Punkt der Deponie leiten Panels mit Ost-West-Ausrichtung Regenwasser in Biotope, in denen sich in den nächsten Jahren möglichst viel Leben ansiedeln soll.

«Das ist zwar schade, aber damit müssen wir leben – wir wollen schliesslich auch, dass die Energiewende gelingt», erklärt Pascale Steck ihre Haltung. Es sei darum entscheidend, dass die Umweltverbände möglichst früh in die Planung einbezogen würden.

Korridore für neues Leben

Wichtig waren Pro Natura und dem WWF die naturrelevanten Auflagen und Aufwertungsmassnahmen: ein breiter, unverbauter Korridor, der entlang einem Felsband vom stillgelegten Steinbruch oberhalb der Deponie bis zur Birs hinunterführt, und eine ähnliche, etwa zehn Meter breite Lücke in der Falllinie in der Mitte der Anlage.

Steinlinsen, grosse Haufen aus Bruchsteinen, auf denen es sehr heiss werden kann, sollen Reptilien und Amphibien das Leben erleichtern. Und besonders wichtig sind die neuen künstlichen Feuchtgebiete ganz oben auf der ehemaligen Deponie.

Amphibien-Wellness

«Wir hatten schon früher Biotope angelegt und versucht, sie möglichst miteinander zu vernetzen. Aber weil es in den letzten Jahren deutlich längere Trockenperioden gegeben hat, sind viele, die anfangs funktioniert haben, nun endgültig vertrocknet», erzählt Edmund Frey Kuron. «Das sieht doch hier sehr wellnessmässig aus, da werden sich die Amphibien hoffentlich wohlfühlen», lacht Pascal Semlitsch, als er auf die Biotope auf dem höchsten Punkt der Anlage zeigt.

Pascale Steck (WWF), Edmund Frey Kuron (KELSAG) und Pascal Semlitsch (IWB) besichtigen die PV-Anlage
Pascale Steck (WWF), Edmund Frey Kuron (KELSAG) und Pascal Semlitsch (IWB) haben gemeinsam die Interessen von Natur, Deponienachsorge und Energieerzeugung sorgfältig abgewogen und
in Einklang gebracht.

Hier wurden zusätzliche Biotope angelegt, die sich zwischen den wie kleine Dächer nach Osten und Westen ausgerichteten Solarpanels hindurchschlängeln. Die Panels leiten an diesem eigentlich trockensten Punkt der Anlage möglichst viel Regenwasser in die Biotope. «Ich bin gespannt, was hier entsteht», meint Pascale Steck. «Wir begleiten das Projekt eng – denn wenn die Biotope funktionieren und auch unter den Solarpanels Leben gedeiht, kann aus dem heutigen Eingriff langfristig sogar mehr Biodiversität entstehen als zuvor.»

«Man weiss es nach 30 Jahren»

Und wie verhält es sich mit der Wirtschaftlichkeit der Anlage bei so vielen Auflagen und Kompromissen? «Wie bei der Natur», zieht Pascal Semlitsch den Vergleich. «Man weiss erst mit der Zeit, ob neben den strategischen auch die wirtschaftlichen Ziele erreicht werden können.»

Mit der sich ankündigenden Ölkrise sehen die wirtschaftlichen Aussichten für grosse PV-Anlagen wieder viel besser aus. Damit macht der Schildkrötenpanzer für alle Sinn – für die KELSAG als Standort, für IWB als Energieinfrastruktur und für das Leben darunter mit einer vielfältigen Mischung aus Licht, Schatten, heissen Steinen und Feuchtbiotopen.