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Energiegeschichten

Wenn Fische Treppen steigen

Fischtreppe beim Kraftwerk Neuewelt in Münchenstein.
Die Fischtreppe beim Kraftwerk Neuewelt in Münchenstein ist 220 Meter lang und besteht aus 59 grossen Becken. Auf diesem Weg können die Tiere am Wehr vorbeiwandern. (Fotos: Niels Franke)

Die Fischtreppe beim Kraftwerk Neuewelt ist mehr als nur ein Bauwerk. Sie erleichtert den Fischen die Wanderung vom Rhein in die Birs. So könnte eines Tages sogar der Lachs zurückkehren.

Daniel Zopfi lauscht dem rhythmischen Rauschen der Birs. Als Fachspezialist Jagd und Fischerei beim Amt für Wald und Wild beider Basel beobachtet er die Entwicklung des Gewässers seit Jahren. Sein Blick wandert vom stufenförmigen Wehr zu einer Anlage, die sich direkt neben ihm den Fluss entlangzieht. 220 Meter lang, 59 Becken. «Ein imposantes Bauwerk», sagt er staunend.

Er bezieht sich dabei auf die Fischtreppe beim Kraftwerk Neuewelt in Münchenstein. Im April 2025 wurde sie eröffnet. Heute steht Zopfi gemeinsam mit Dietmar Küther mitten in der Anlage. Küther, Leiter Nachhaltigkeit bei IWB, blickt auf das Wasser, das von Becken zu Becken strömt. «Die Fischtreppe ist hier besonders wichtig, weil das Kraftwerk Neuewelt das unterste an der Birs ist», sagt er. Fische, die flussaufwärts schwimmen wollen, müssen das Wehr passieren, um in den oberen Teil des Flusses zu gelangen. Die Fischtreppe ist also so etwas wie das Tor zur Birs.

Ohne Hindernisse auf Wanderung

Direkt neben der Fischtreppe steht das Kraftwerk Neuewelt. Seit 1998 produziert IWB mit dem Kleinwasserkraftwerk 100 Prozent erneuerbaren Strom für den Jahresverbrauch von rund 1000 Haushalten. Das Kraftwerk nutzt ein historisches Wehr, das ursprünglich zur Ausleitung des St. Albanteichs gebaut wurde. Für viele Fischarten unterbricht das Wehr jedoch den natürlichen Wanderweg.

Warum Fische freie Wege brauchen

«Die Birs verbindet den Rhein mit zahlreichen Laich- und Aufenthaltsgebieten», erklärt Zopfi. Je nach Jahreszeit und Lebensphase besiedeln Fische unterschiedliche Gewässerabschnitte. Wird ein Lebensraum abgeschnitten, kann sich der Kreislauf nicht schliessen. Langfristig leidet die Fischpopulation darunter. «Damit das nicht passiert, müssen sich die Fische zwischen den Gewässern bewegen können. Sie brauchen durchgängige Wanderwege», fügt Küther an.

Bereits seit Inbetriebnahme des Kraftwerks existierte eine Fischtreppe. Doch sie entsprach nicht mehr den heutigen Anforderungen. «Das Entscheidende ist der Einstieg. Er muss für die wanderwilligen Fische einfach auffindbar sein», weiss Zopfi. Fische orientieren sich an der Strömung. Finden sie den Einstieg nicht oder nur schwer, schwimmen viele Tiere am Eingang vorbei und erreichen ihre Laich- und Lebensräume oberhalb des Wehrs nicht.

Eine weitere Herausforderung: Die Fischtreppe muss für möglichst viele Fischarten funktionieren. Kräftige Schwimmer wie die Bachforelle stellen andere Anforderungen als die Groppe, die sich mit ruckartigen Hüpfern über dem Wassergrund bewegt. Einige suchen ihre Wege nahe am Boden, andere weiter oben. Entsprechend komplex ist die Planung eines solchen Fischpasses.

Dietmar Küther (links) und Daniel Zopfi schauen sich rund ein Jahr nach der Eröffnung nochmals auf der Anlage um. Beide betonen die Wichtigkeit des Bauwerks für die Fischpopulation.
Dietmar Küther (links) und Daniel Zopfi schauen sich rund ein Jahr nach der Eröffnung nochmals auf der Anlage um. Beide betonen die Wichtigkeit des Bauwerks für die Fischpopulation.

Reisende soll man nicht aufhalten

Für die Fische beginnt die Reise kurz unterhalb des Wehrs. Damit sie den Einstieg überhaupt finden, wurde er dort platziert, wo die Strömung sie natürlich hinführt. Sie folgen der Strömung bis zum Eingang der Fischtreppe und bewegen sich anschliessend Becken für Becken nach oben.

Eine Hürde in kleinen Schritten

Der Höhenunterschied wird dabei nicht auf einmal überwunden. Stattdessen steigt der Wasserspiegel in jedem der 59 Becken nur leicht an. So entsteht ein Weg, der den Tieren Erholungsmöglichkeiten bietet und genügend Zeit lässt, um das Wehr zu passieren. «Es bleibt eine Hürde», ist sich Küther bewusst. «Aber eine, die nun deutlich besser passierbar ist.»

Das Gewässerschutzgesetz verpflichtet Betreiberinnen und Betreiber von Wasserkraftwerken, die Fischgängigkeit bis 2030 zu gewährleisten. Deshalb sanierte IWB gemeinsam mit dem Tiefbauamt Basel-Stadt den Fischauf- und -abstieg sowie das Birswehr bereits ab Ende 2021. «Wir haben uns intensiv mit Expertinnen und Experten ausgetauscht. Auch wegen der grossen Verantwortung für das aquatische Leben wollten wir die Fischtreppe möglichst rasch umsetzen», erklärt Küther.

 Daniel Zopfi

Daniel Zopfi

Fachspezialist Jagd und Fischerei beim Amt für Wald und Wild beider Basel

Das Entscheidende ist der richtige Einstieg. Er muss einfach auffindbar sein.
Fischbecken an Fischbecken
Die Fische arbeiten sich Becken für Becken vorwärts. Ein Weg, der den Tieren genügend Zeit gibt, sich zwischendurch auszuruhen und die Treppe zu überwinden.

Den Fischen auf der Spur

Ob die Anlage ihre Aufgabe langfristig erfüllt, soll ein übergeordnetes Monitoring zeigen. Dieses startet, sobald sämtliche Fischtreppen entlang der Birs den heutigen Anforderungen an die Durchgängigkeit genügen. Dann lässt sich die Wanderung von der Mündung in den Rhein in Birsfelden bis nach Laufen als Ganzes untersuchen. Dafür werden einzelne Fische mit Sendern ausgestattet, die ihre Wanderungen über die Fischtreppen erfassen.

Erste Erfolge in der Fischtreppe

Bereits heute liefern punktuelle Erfolgskontrollen – unter anderem mit einem Fischzählbecken – erste Erkenntnisse. Die ersten Erfahrungen stimmen die Fachleute positiv. Verschiedene Fischarten konnten die neue Anlage bereits erfolgreich passieren.

Dietmar Küther

Dietmar Küther

Leiter Nachhaltigkeit bei IWB

Als unterstes Kraftwerk an der Birs ist hier der Standort der Fischtreppe besonders wichtig.

Der Lachs soll zurück in die Birs

Besonders aufmerksam verfolgen die beiden die Rückkehr des Lachses. In der Schweiz gilt er seit den 1950er-Jahren als ausgestorben. Einst war er in vielen Flüssen heimisch, heute kehrt er nur vereinzelt zurück. Die Birs soll künftig wieder für den Lachs zugänglich sein. Dafür wurde der Fischpass entsprechend dimensioniert.

Zopfi blickt noch einmal auf die langen Reihen der Becken. Für ihn steht die Anlage stellvertretend für etwas Grösseres. Er nimmt dafür nochmals den Lachs als Beispiel, dessen Vorkommen als Qualitätsmerkmal eines Flusses gilt. «Für die aufwärts wandernden Lachse ist die Fischtreppe das Tor zu den Laichgründen», sagt er. «Für die Jungfische auf dem Weg zurück ist sie das Tor zum Rhein und ins weite Meer.»

Während die Birs weiterrauscht, fliesst das Wasser auch durch die Becken der Fischtreppe. Becken für Becken verbindet die Anlage Lebensräume. Zahlreiche Fischarten wie Forellen, Äschen oder Barben nutzen den Weg bereits. Auch für den Lachs steht das Tor nun offen. So wird der König der Wanderfische vielleicht eines Tages wieder regelmässig durch die Birs ziehen.

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