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Früchte vom Experimentierfeld

Im Gundeldinger Feld in Basel gibt es Photovoltaik mit Modellcharakter. Und daneben viele Experimente, die überzeugen, wenn man genau hinsieht. Ein Augenschein mit Architektin Barbara Buser.

 

Text: Paul Drzimalla; Fotos: Christian Aeberhard

Unscheinbar liegt es vor uns: ein Stück Beton, quadratisch und an jeder Ecke ein kreisrunder Ausschnitt. Es wirkt achtlos auf den Boden gelegt, drum herum stehen Velos. Und doch erzählt es viel über diesen Ort. «Das sind die Ausschnitte der Fenster, die wir aus den Silowänden herausgeschnitten haben», erklärt Barbara Buser. Wir treffen sie im Gundeldinger Feld in Basel, um uns das Solarsilo zeigen zu lassen. Ein ehemaliges Kohlesilo, das umgewandelt wurde. Wie der Rest des Areals: von einem Fabrikgelände zu einem lebendigen Quartier, und im Falle des Silos zu einem schweizweit beachteten Stück Solararchitektur.

 

Recycling im Quartierwohnzimmer

Wer ins Gundeldinger Feld kommt, betritt eine andere Welt. Während draussen im Quartier Verkehr und enge Trottoirs das Bild bestimmen, ranken sich plötzlich Pflanzen über Gerüste. Menschen sitzen, schlendern, unterhalten sich. «Unsere Vision war immer, dem Gundeli ein Wohnzimmer zu geben», erklärt Buser. Sie selber ist hier aufgewachsen, im einstigen Arbeiterquartier, das in den letzten Jahren immer populärer geworden ist. «Früher gab es hier nicht viel. Ein paar Beizen. Aber kein kulturelles Angebot, keinen Ort, an dem sich Familien gerne aufgehalten hätten.» Heute verteilen sich über 70 Mieter auf die acht Gebäude. Das Areal beherbergt Kletterhalle, Kita, Bars und Büros. «Hier drin ist zum Beispiel eine Kinder­zirkusschule», erklärt Buser, während wir die ­Aussentreppe des Silos hinaufsteigen. Das hohe Silo sei prädestiniert. Einen Übungsraum für Trapezkünstler schaffen, das sei hier einfach so möglich.

«Eigentlich sollte keine Fläche am Gebäude einfach ungenutzt sein.»

Barbara Buser, Architektin / Mitinitiantin Gundeldinger Feld

Ruhig und klar. So redet Barbara Buser über ihre Ideen. Und doch erfasst ihre Begeisterung jeden, der zuhört. Die Architektin experimentiert gerne, mit Räumen, mit Materialien, am liebsten mit gebrauchten. Ihr Büro war einer der ersten Mieter am Platz, nachdem Buser und vier weitere Initianten die ehemalige Maschinenfabrik im Baurecht übernehmen konnten. Langsam haben sie das Areal entwickelt, dabei viel probiert und gelernt. «Die Oberlichter da unten», sie weist auf ein Nachbargebäude, «die sind mit Gewächshausfarbe bestrichen.» Die Büros darunter würden so beschattet. Bis im Winter wird die Farbe abgewaschen und im Frühling dann neu aufgetragen. «Das ist so viel einfacher, als teure Technik einzubauen. Und ressourcenschonender dazu.» Recycling ist zum Markenzeichen ihres Architekturunternehmens geworden, das heute 60 Leute beschäftigt und in der Schweiz und Europa tätig ist.

 

Ideen und ihre Geschichten

Wir erreichen den dritten Stock. «Diese Solaranlage da drüben ist auch spannend», meint Buser, während wir auf den Hof blicken. «Sie mag nicht so elegant sein wie das Silo. Dafür ist ihre Geschichte umso schöner.» 138 Module umfasst die Anlage auf der anderen Seite. Errichtet wurde sie von drei Personen, darunter der 2019 verunglückte Basler Umweltaktivist Martin Vosseler. Er habe immer schon eine Solaranlage bauen wollen, erklärt unsere Begleiterin, und habe dank einer Erbschaft das Geld gehabt, nur kein eigenes Dach. «Und wir hatten die Dachfläche, aber kein Geld.» Barbara Buser lacht. Es ist die Geschichte des Gundeldinger Felds: eine Entwicklung Schritt für Schritt. Ganz ohne Grossinvestor mit Renditewunsch, dafür mit engagierten Menschen und immer wieder genialen Einfällen.

Wir blicken uns weiter um. Tief unter uns fallen Pflanzen auf, die an einem Stahlgerüst hängen. Ein Überbleibsel der alten Fabrikhalle, erklärt Barbara Buser. «Und das Grün stammt aus dem Gundeli. Wir haben einen Aufruf im Quartier gemacht, wer Pflanzen abzugeben habe.» In den Jahren sind aus den Pflänzchen Büsche, Ranken und kleine Bäume geworden. Und weitere wachsen in Metallampeln am Gerüst. «Die Körbe haben wir aus einer alten Kohlezeche in Deutschland gerettet», erklärt sie. Die Arbeiter haben früher ihre schmutzigen Kleider daran aufgehängt. Nun wachsen Setzlinge für andere Projekte des Architekturbüros in ihnen. Auch sie ein Symbol – für die Transformation, für den Ideenreichtum.

 

Alle Energie auf Solar

Auf dem Dach angekommen, sehen wir die verschiedenfarbigen Panels des Solarsilos. Das ­Gundeldinger Feld sei von Anfang an als Pilotprojekt für die 2000­-Watt-­Gesellschaft geplant gewesen, so Barbara Buser. Von Beginn weg wurde vereinbart, die Temperatur in den Gebäuden zu senken. Ausserdem werden konsequent Energiesparlampen und Wassersparventile eingesetzt – und Stückseife. «Ja, das bringt etwas!», Barbara Buser blickt über ihre Brille, «weniger Verbrauch, weniger Abfall.» Zudem wurde mit allen Nutzern vereinbart, dass sie kontinuierlich ihren Energieverbrauch senken. Das habe an den Jahresversammlungen auch schon zu hitzigen Diskussionen geführt. Irgendwann sei ihr und den Initianten aber klar geworden, dass sie noch viel mehr Mittel bräuchten, um den Erfolg der Massnahmen zu messen. «Und deshalb haben wir unsere Energie in etwas Neues gesteckt», sagt sie: das Solarsilo.

Ein Stockwerk tiefer stehen wir im Sitzungszimmer des Silos. Ein Blick aus dem Fenster offenbart zwei weitere Photovoltaikanlagen. Mieter haben sie mit eigenen Mitteln nachträglich erstellt. Weit hinten ragt ein Storchennest über das Dach des Areals. Man warte noch auf die Störche, erklärt Buser. «Eigentlich sollte keine Fläche am Gebäude einfach ungenutzt sein. Entweder man begrünt sie oder baut Solaranlagen.» Geld kosten Dach und Fassade ja sowieso, meint sie. Ihr Büro realisiere deshalb immer Photovoltaikanlagen, wenn es sich bei einem Projekt anbiete. In einer Ecke surrt ein Kühlschrank, betrieben von zwei Solarpanels, die statt Silizium Randensaft verwenden. Was andernorts überrascht, überzeugt hier. Experimente? Ja, bitte!

Am Schluss steht die Frage, ob die Ideen, die in ihrer Architektur stecken, auch auf die Menschen überspringen. Werden die Bewohner eines Solaareals auch vernünftiger im Umgang mit Energie? Barbara Buser überlegt lange, während wir die Treppen wieder hinuntersteigen. Schliesslich meint sie: «Wir Menschen sind widersprüchlich. Grundsätzlich sind wir intelligent genug, um zu wissen, was zu tun wäre. Und doch wollen wir unseren Komfort: Flugreisen, Autos, teure Häuser.» Was kann das verändern? Ihre Antwort kommt schnell. «Letztendlich nur die Politik. Ein Energiegesetz wie hier in Basel. Und wohl auch die Lenkung: Geld wirkt.» Sie hat keine Angst vor grossen Gedanken. Sie sind ihr Antrieb und stecken in ihrer Arbeit. Und dann geht sie. Durch ihr Wohnzimmer. Durch die vielen kleinen Experimente. Die allermeisten geglückt.

 


Das Solarsilo

Das ehemalige Kohlesilo ist ein Photovoltaik-Pilotprojekt, das von der FHNW begleitet und vom Bundesamt für Energie und dem Amt für Umwelt und Energie Kanton Basel-Stadt unterstützt wird.

  • Verschiedene gefärbte, in die Gebäudehülle integrierte Solarpanels
  • Jahresertrag (September 2019 – August 2020): 16 000 kWh
  • Leistungsunterschied Farbmodule: – 18 % Ertrag gegenüber Klarglas (fast keine Unterschiede zwischen den Farben)
  • Vorteil Farbmodule: Ästhetik (Fassadenanwendung), hoher Ertrag im Winter und morgens/abends
  • Batteriespeicher aus alten Twike-Elektrofahrzeugen («second life»): Kapazität: 35 kWh
  • Vor Ort direkt verbrauchter Solarstrom («Eigenverbrauchsgrad»): bis 86 %

 


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Zur Person

 

Barbara Buser gründet nach Einsätzen in Afrika 1995 die Bauteilbörse Basel, um der Verschwendung im Bauwesen zu begegnen. 1998 plant und entwirft sie gemeinsam mit Eric Honegger und anderen die Umnutzung der ehemaligen Volksbank zum Unternehmen Mitte in Basel. Das dafür gegründete Baubüro Mitte wird später zum baubüro in situ umbenannt, das sich auf Um- und Zwischennutzungen sowie Wiederverwertung spezialisiert. Sie ist Mitbegründerin der Kantensprung AG, die das Gundeldinger Feld betreibt. 2020 erhält sie gemeinsam mit Eric Honegger für ihr Schaffen den Prix Meret Oppenheim des Bundesamts für Kultur.