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Bilder der Zukunft

Über die Zukunft nachdenken, das kann vermeintlich jeder. Es beruflich zu tun, ist eine ganz andere Aufgabe. Eine, die auch Stefan Breit vom GDI hat.

Text: Paul Drzimalla; Foto: Gianni Groppello

 

Stefan Breit, Sie befassen sich mit dem Blick in die Zukunft. Wie muss man sich Ihren Beruf vorstellen?
Ein Teil ist wissenschaftliches Arbeiten. Es gibt Methoden, systematisch in die Zukunft zu schauen. Ich bin aber auch Geschichtenerzähler. Wir versuchen mit unseren Studien immer, eine spannende, interessante, relevante und richtungsweisende Geschichte zu erzählen. Damit versuchen wir, in einer Zeit, in der alles immer von Wandel redet, Ruhe und Optimismus zu vermitteln.

Ihre Studie «Die neue Energiewelt» skizziert bis Ende des Jahrhunderts Energie im Überfluss – aus erneuerbaren Quellen. Was spricht dafür?
Das Wichtigste ist der politische Wille, unser Energiesystem zu verändern. Denn so wie heute ist es nicht zukunftsfähig. Wir können nicht Rohstoffe, die zur Zeit der Dinosaurier entstanden sind, in so kurzer Zeit verbrennen. Das ist erkannt. Dazu gibt es ein politisches Ziel: netto-null. Zugleich gibt es immer mehr und immer bessere erneuerbare Technologien, die die alten ablösen. Und zu guter Letzt fordert die Gesellschaft, das Energiesystem umzubauen.

Und das schaffen wir bis 2050? Oder 2100?
Wir legen keine Jahreszahl fest. Wir wollen Dialoge ermöglichen, indem wir fragen: Wie könnte es anders sein? Mit unserer Überflussthese wollten wir all den Studien, die von Energiemangel reden, etwas entgegensetzen. Es gibt nicht zu wenig Energie auf der Welt! Die Sonne schickt innerhalb von zwei Stunden so viel Energie auf die Erde, wie die ganze Menschheit in einem Jahr braucht. Und wenn wir erst die Infrastruktur haben, um diese Energie zu nutzen – und darin werden wir immer besser –, dann erwartet uns etwas sehr Tolles.

Wie verläuft der Weg dorthin?
Das Energiesystem ist sehr komplex. Deshalb ist es schwer abzuschätzen, was zuerst passiert. Auf jeden Fall wird der Anteil der emissionsarmen Energieträger zunehmen. Ob der Mechanismus dafür Freiwilligkeit ist, Klimastreik oder der Preis, kann ich nicht sagen. Schliesslich ist es ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess. Das ist Arbeit, aber sie lohnt sich.

Spielt nachhaltiges Handeln des Einzelnen eine Rolle?
Ja. Ein sehr grosser Teil unseres Ressourcenverbrauchs ist individueller Konsum. Natürlich besteht eine Herausforderung: Wir leben im Jetzt und treffen täglich zig Entscheidungen. Was soll ich essen, wie fahre ich zur Arbeit? Nachhaltigkeit hat aber einen viel längeren Zeithorizont. Gerade für junge Menschen ist das ein Hemmnis. Denn wer weiss schon, was in 20 Jahren ist? Anreize oder Visionen können da helfen.

Welche Rolle spielen Energieversorger in dieser neuen Energiewelt?
Einerseits erscheint eine dezentrale, autarke Energieversorgung immer denkbarer. Da hat der Energieversorger vielleicht gar keine oder eine ganz andere Rolle. Statt Energie verkauft er vielleicht Know-how oder Dienstleistungen. Andererseits muss er überlegen, welche Investitionen er noch tätigen kann, wenn die Energie immer günstiger wird und nur noch die Kosten für das Netz bleiben. Auch hier ist eine Vision hilfreich, um Massnahmen abzuleiten.


«Nachhaltigkeit hat einen langen Zeithorizont, was ein Hemmnis sein kann. Visionen können da helfen.»

Stefan Breit, Researcher Gottlieb Duttweiler Institut GDI

Ihre Studie zeigt 30 mögliche «Shifts» auf dem Weg in die neue Energiewelt. Einige sind schon bekannt wie die Gletscherschmelze. Andere überhaupt nicht. Wieso?
Die Gletscherschmelze ist ein verständliches Bild. Als Gesellschaft reden wir gerne in Bildern, denn wir können sie uns gut vorstellen. Gibt man in der Google-Bildersuche «Zukunft» ein, erscheinen vor allem technische Objekte: Roboterhunde und fliegende Autos. Das ist kein Zufall. Doch für die Zukunft sind auch abstrakte Szenarien relevant. Nehmen Sie das «Divestment», das dem Mythos von der kleinen Schweiz, die in der Welt nichts bewegen kann, widerspricht. Als Bankenplatz und Sitz von Rohstoffhändlern sind wir nicht klein. Und es kann etwas bewirken, wenn mehr in emissionsarme Unternehmen investiert wird.

Apropos Umwelt: Sie beschäftigen sich auch mit dem «Anthropozän». Was ist das?
Das ist ein Konzept – nicht unumstritten –, das besagt, die Menschheit sei inzwischen die grösste Erosionskraft auf unserem Planeten. Grösser als Regen, Vulkane, Plattenverschiebungen – Naturkräfte, von denen wir meinen, sie seien stärker als wir. Aber in ferner Zukunft wird man geologisch feststellen können: Damals im 20. Jahrhundert ist etwas Markantes passiert. Etwa die ersten Atombomben oder die durch den Klimawandel versauerten Ozeane. Reden wir über Nachhaltigkeit, stehen wir an diesem Punkt: Wir verändern die Welt sehr stark und schnell. Die spannende Frage ist: Wie gehen wir damit um?

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Zur Person

Stefan Breit ist Researcher am Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) mit Forschungsschwerpunkt Wohnen, Infrastruktur und Umwelt. Das GDI ist die älteste unabhängige Denkfabrik der Schweiz. Ihre Forscher untersuchen Megatrends und Gegentrends und entwickeln Zukunftsszenarien für Wirtschaft und Gesellschaft. Studie «Die neue Energiewelt» und weitere: