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Vom Gamer zum Spieler

Luca Boller lebt seinen Traum. Er spielt für den FCB. In einer Disziplin, die gemeinsam mit ihm gewachsen ist: dem eSport.

Text: Paul Drzimalla; Foto: Christian Aeberhard

 

Der Vierwaldstättersee glitzert, dahinter die Alpen – mancher würde in diesem Zimmer bloss die Aussicht geniessen. Doch Luca Boller muss sich konzentrieren. Ein Pult in der Ecke, ein Mikrofon, zwei Bildschirme, auf dem einen eine Kamera, vor dem anderen ein Gamepad. Das ist der Arbeitsplatz von Luca Boller, 24, Gamer von Beruf. Sein Spiel heisst FIFA und sein Arbeitsinstrument Playstation. «Das ist nicht nur mein Job, das ist Sport», betont Luca. Es ist ihm wichtig. Das rotblaue Logo auf dem Pulli verrät, warum.

Luca Boller ist beim FC Basel 1893 unter Vertrag, seit letztem Jahr Vollzeit. Und in der Tat klingt sein Arbeitstag wie der eines Profisportlers: nach dem Aufstehen ins Fitnessstudio, dann zwei Stunden trainieren, kurz Mittag, dann wieder zwei Stunden trainieren, dann Fanarbeit. Nur dass die Trainings am Bildschirm stattfinden, die Fanarbeit auch.

 

Vaters Playstation

Dass er einmal an diesen Punkt gelangen würde, kann sich Luca nicht vorstellen, als er das erste Mal einen Controller in die Hand nimmt. Er ist fünf und lebt mit seiner Mutter im Zürcher Oberland. Seine Eltern sind getrennt, die Wochenenden verbringt Luca oft beim Vater. Der hat eine Playstation und lässt Luca irgendwann spielen: «FIFA», die Fussballsimulation, bald Lucas Spiel. Seine Mutter ist wenig begeistert, lässt ihn aber gewähren, denn die Schulnoten stimmen. Luca hält sich fern von Ballergames, ist kein einsamer Zocker. Er hat Freunde und spielt auch auf dem echten Rasen.

Später ist es ausgerechnet Lucas Mutter, die den Stein ins Rollen bringt, wenn auch unbewusst. Luca ist zwölf, inzwischen angefressener Konsolenspieler, und begleitet sie in die Videothek. Dort soll ein FIFA-Turnier stattfinden. Für Luca ist es das erste; seine Gegner sind mindestens zehn Jahre älter. Doch er gewinnt. Der Preis: eine Konsole. Es scheint wie Schicksal. Lucas Ehrgeiz ist geweckt; er sucht die Gegend nach Turnieren ab, spielt in Bars, in Shoppingcentern, gewinnt immer wieder.

«Ich wusste, irgendwann werde ich bei einem Schweizer Club FIFA spielen»

Luca Boller, FC Basel 1893 eSports

Der Schritt in die Welt

Doch den Schritt, der alles verändert, geht Luca erst später: Er sucht den Wettbewerb im Internet. 2012 registriert er sich auf einer Gaming-Plattform. Bereits damals tummeln sich dort nicht nur gute Spieler, sondern auch Sponsoren und Teams. Luca tritt seinem ersten Team bei und hat jetzt einen Namen: «Lubo». Sein Hobby auch: «eSports». Doch es bleibt ein Hobby. Luca macht eine Banklehre, er spielt am Abend und noch immer mit Freunden.

Zwei Jahre später findet in der Zürcher Maag Eventhalle die erste landesweite FIFA-Meisterschaft statt. Luca geht hin – und wird erster Schweizer Meister. Der Stein, der in einer Videothek ins Rollen kam, ist nicht mehr aufzuhalten. Auch die Szene wächst; im folgenden Jahr nimmt der deutsche VFL Wolfsburg den ersten eSportler unter Vertrag. «Ich wusste, irgendwann werde ich bei einem Schweizer Club FIFA spielen», erinnert sich Luca. Es ist eine Frage der Zeit.

 

Eine Perspektive

Lucas Zeit kommt 2017. Der FCB ist nicht der einzige Schweizer Club, der auf eSports und auf das junge Talent «Lubo» aufmerksam geworden ist. Luca wird umworben. «Doch bei manchem Club hatte ich den Eindruck, dass sie eSports überhaupt nicht verstehen.» Nicht so der Rekordmeister. Man wolle auch im eSport als Grösse wahrgenommen werden und langfristig erfolgreich sein, kommentiert FCB-CEO ­Roland Heri. Mit dem Engagement wolle man auch bei einer sonst schwer erreichbaren Gruppe stattfinden und für bestehende und potenzielle Partner interessant sein. Eine Perspektive, die Luca überzeugt. Er sagt zu und wird der erste digitale Spieler für Rotblau.

Der FCB baut um Luca ein eSports-Team auf; seine Kollegen sind zwei Deutsche und ein Argentinier. Auf einmal stehen sie im Rampenlicht – und polarisieren: Im September 2018 fliegen beim Spiel gegen YB Controller aufs Spielfeld. Eine Protestaktion der Fans, die den echten vom digitalen Fussball bedrängt sehen. «Ich beziehe das nicht auf mich», meint Luca. Er weiss, wie emotional Fussball sein kann, auf dem Rasen wie dem Bildschirm. Sport löse etwas aus, aber eben: eSport ist auch Sport.

 

Die vernetzte Gemeinschaft

Heute ist Luca kein Unbekannter mehr. Fans erkennen ihn auf der Strasse und fordern ihn zum spontanen Match heraus, falls eine ­Playstation in der Nähe ist. Ein 24-Stunden-Job, doch Luca liebt ihn. «Ich will das so lange machen, wie es mir Spass macht.» In der neuen Heimat ­Luzern absolviert er eine Marketingausbildung – für die Zeit nach der Spielerkarriere. Denn die Konkurrenz wächst: Oft schlagen an Turnieren junge Aufsteiger die Stars. Alles, was sie benötigen, ist eine Konsole, gebraucht für kleines Geld zu haben. «eSports ist ein vergleichsweise günstiges Hobby», meint der Profi. Eine Ausrüstung, wie er sie hat, sei nicht Pflicht.

Dafür Internet. Es hält nicht nur Fans und eSports-Teams zusammen; es ist sozusagen der digitale Rasen – ohne geht gar nichts. Das weiss Luca nur zu gut; er hat schon Onlineturniere gegen Amerikaner gespielt, in denen er wegen einer langsamen Verbindung keine Chance hatte. Und einmal, während eines Halbfinals, hat er Forfait geben müssen. Das Netz war ausgefallen. Lucas Aussichten auf das Preisgeld dahin. «Mein Provider hat am nächsten Tag ein nicht gerade freundliches Telefon bekommen», sagt Luca und lacht.

«Die Spieler, die Fans, die Sponsoren – alles ist da»

Luca Boller, FC Basel 1893 eSports

Eine eigene Branche

Die Anekdote zeigt: Es geht um etwas im eSport. Nicht nur für Spieler. Immer mehr Sponsoren und traditionelle Clubs engagieren sich, auch in der Schweiz. Neben dem FCB haben auch Servette FC oder Lausanne-Sport eigene eSport-Mannschaften. Diese spielen teils «reine» Wettkampf-Games auf dem PC ohne Fussballbezug. Für Luca kein Thema. «Ich weiss nicht mal, wie man damit umgeht», scherzt er mit Blick auf Maus und Tastatur. Auch der FC Basel will sich im eSport auf FIFA konzentrieren. Man sei stolz auf die eigene Mannschaft und der Meinung, dass der Bereich in Zukunft selbsttragend sein könne, so CEO Heri.

«Die Spieler, die Fans, die Sponsoren – alles ist da», fasst Luca die Lage zusammen. Was es noch nicht gibt, ist eine eigene Schweizer Liga. Der Fussballverband hat schon vor zwei Jahren angekündigt, dass er die Möglichkeit prüfe, in den eSport einzusteigen, beobachtet aber vorerst, wohin sich Markt und Clubs entwickeln. Eine Expertengruppe prüft, ob und wann eine offizielle Liga kommt. «Wenn das der Fall sein wird, würde ich das als Spieler gerne noch erleben», meint Luca. Es wäre der Höhepunkt einer unerwarteten Reise. Der endgültige Beweis, dass er ein Sportler ist.


Grosser Sport

eSports ist in den letzten Jahren rasant gewachsen. Neben Konsolentiteln wie FIFA sind vor allem PC-Spiele wie League of Legends, Overwatch, Fortnite oder DOTA2 beliebt. Die Branche ist in ständiger Bewegung: In einigen Ländern gibt es Ligen wie die virtuelle Bundesliga in Deutschland, zum Teil existieren mehrere offizielle Verbände. In Zahlen ausgedrückt ist eSports schon längst Spitzensport: Das WM-Finale 2018 von «League of Legends» verfolgten 80 000 Zuschauer live in Peking. Über eine halbe Milliarde Euro wurde 2017 weltweit mit eSports umgesetzt, schätzt eine Studie der Beratungsfirma PwC. Die Preisgelder gehen teils in die Millionen. In der Schweiz sind die Dimensionen kleiner: Am diesjährigen FIFA-Final gab es 30 000 Franken zu gewinnen – auch das ein neuer Rekord.