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Der Energiehandel im Laufe der Zeit

Wasserkraftwerke sind das Rückgrat der Stromversorgung der Schweiz. Aus diesem Grund hält auch IWB Beteiligungen an Anlagen vor allem in den Alpen. Damit diese Investitionen richtig bewirtschaftet werden, gibt es bei IWB die Abteilung Energiehandel. Sie kauft und verkauft an den Strombörsen und dem OTC-Markt Strom, um Produktion und Absatz auszugleichen. Im Interview erklärt uns Franz Gloggner, Händler Front Office Handel IWB, warum IWB mit Energie handelt, wie der Alltag eines Energiehändlers aussieht und wie sich der Handel mit Energie in den letzten vier Jahrzehnten entwickelt hat.

Titelbild: KWO / Foto: Luftaufnahme Grimselwelt / Fotograf: Robert Bösch

 

Wozu eigentlich Energiehandel?

Franz Gloggner: Strom ist nur begrenzt speicherbar. Produktion und Verbrauch müssen immer im Gleichgewicht sein. Mit Hilfe vom kurzfristigen Stromhandel können Schwankungen bei Angebot oder Nachfrage jeweils mit den optimalen Kraftwerken abgefahren werden. Insbesondere für einen flexibel einsetzbaren Kraftwerkpark, wie der von IWB, bringt der kurzfristige Stromhandel einen Mehrwert.

Im längerfristigen Markt für Strom, Gas, Herkunftsnachweisen und CO2-Zertifikate sind Mengen- und Preisabsicherung der wichtigste Grund für die Handelstätigkeit von IWB. Wir sichern Positionen bis drei Jahre im Voraus ab. Ohne Absicherungsgeschäfte wäre die Budgetierung vom IWB Handelsgeschäft deutlich schwieriger.

 

Wie kann man sich den Energiehandel vorstellen?

Franz Gloggner: Als Handel wird allgemein die wirtschaftliche Tätigkeit des Austauschs von materiellen oder immateriellen Gütern zwischen Wirtschaftssubjekten bezeichnet. Diese Definition trifft auch für den Stromhandel zu. Die Lieferung von Elektrizität ist etwas speziell, da es sich um ein nichtspeicherbares, netzgebundenes Gut handelt. Der Übertragungsnetzbetreiber Swissgrid ist im Schweizer Netzwerk verantwortlich, dass Produktion und Verbrauch im Gleichgewicht sind. Um diese Aufgabe wahrzunehmen überwacht Swissgrid die physischen Lieferungen aller Stromgeschäfte auf ihrem Übertragungsnetz mit Hilfe von einem Bilanzgruppenmodell. Zusammenfassend funktioniert der Stromhandel wie ein Handelsgeschäft bei einem anderen materiellen Gut wie zum Beispiel Heizöl. Die kontinuierliche Lieferung gemäss den Regeln des Bilanzgruppenmodells macht die Abwicklung von einem Stromhandelsgeschäft zwar etwas abstrakter; das Prinzip materielles Gut gegen Geld bleibt aber bestehen.

 

Was, wo und wie wird gehandelt?

Franz Gloggner: Strom wird an der Börse sowie OTC (over the counter = bilateraler Handel zwischen zwei Akteuren ohne eine Börse als zentrale Gegenpartei) gehandelt. IWB ist im Strombereich an beiden Segmenten aktiv. In den anderen für IWB relevanten Segmenten vom Energiemarkt (Gas, Herkunftsnachweisen und CO2-Emissionszertifikaten) sind wir ausschliesslich am OTC-Markt tätig.

 

Aus was setzt sich der Preis zusammen?

Franz Gloggner: Wie an jedem Markt ergibt sich der Marktpreis aus Schnittpunkt zwischen Angebot und Nachfrage. Strom nimmt auch bei Angebot und Nachfrage auf Grund der Nichtspeicherbarkeit eine Sonderrolle ein. An der EPEX Swissix Day Ahead Auktion wird für jede einzelne Stunde ein Marktpreis aus Angebot und Nachfrage ermittelt. Da der Schweizer Strommarkt stark mit den Nachbarländern verknüpft ist, werden die Marktpreise in einigen Stunden von den Produktionskosten von thermischen Kraftwerken im benachbarten Ausland festgelegt. Witterungseinflüsse - insbesondere Wind, Niederschlag, Wolken und Temperatur - haben auch einen erheblichen Einfluss auf Angebot und Nachfrage und schlagen sich entsprechend in den Preisen nieder.

"In den letzten zehn Jahren hat sich beim Energiehandel IWB mit Sicherheit mehr geändert als in den 30 Jahren davor."

Franz Gloggner, Händler Front Office Handel IWB

Wie sah der Energiehandel bei IWB vor 40 Jahren aus und was hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert?

Franz Gloggner: In Europa hat sich der Stromhandel seit der Marktliberalisierung in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt. IWB kann seit 2009, der Teilliberalisierung vom Schweizer Strommarkt, aktiv handeln. Vor diesem Zeitpunkt war das Schweizer Übertragungsnetz unter Kontrolle der Überlandwerke. Für die Abwicklung von Stromgeschäften waren neben der elektrischen Energie auch die Übertragungskapazitäten erforderlich. IWB war in dieser Zeit stark abhängig von den Überlandwerken und den Handelstätigkeiten waren entsprechend enge Grenzen gesetzt. In den letzten zehn Jahren hat sich beim Energiehandel IWB mit Sicherheit mehr geändert als in den 30 Jahren davor. In Anbetracht der Liberalisierung am Strommarkt ist das aber auch nicht erstaunlich.

 

Wie stark wuchs der Handel mit Strom in den letzten Jahren?

Franz Gloggner: Belastbare Daten gibt es seit der Existenz der Strombörse EEX im Jahr 2002. Zwischen 2002 bis 2017 hat sich das Handelsvolumen am EEX Spotmarkt EPEX (Lieferung am Handelstag oder dem Folgetag) von 31 Terrawattstunden (TWh) auf 543 TWh mehr als verzehnfacht. Am EEX Terminmarkt hat sich das Volumen im gleichen Zeitraum von 119 TWh auf 2.822 TWh mehr als verzwanzigfacht.  

Wie sieht der Tagesablauf eines Energiehändlers heute aus?

Franz Gloggner: Operativ am aktivsten ist jeweils der Kollege, der für die kurzfristige Planung verantwortlich ist. Der Tag für den Kurzfristhändler beginnt zirka um 8:00 Uhr. Typischerweise prüft er zuerst wie gut die Planung für den aktuellen Tag aufgeht. Mit den Inputs vom aktuellen Tag macht sich der Kurzfristhändler an die Planung vom Folgetag. Die Wetterentwicklung und die aktuellen OTC-Marktpreise sind dabei entscheidende Inputfaktoren. Bis um rund 9:00 Uhr treffen diverse Plandaten von internen und externen Stellen ein. So meldet zum Beispiel der IWB Vertrieb den erwarteten Verbrauch unserer Kunden und unsere thermische Produktion die erwartete Stromproduktion der wärmegeführten IWB Anlagen. Die Partnerkraftwerke teilen in einem sogenannten Angebots-File für jede Stunde vom Folgetag mit, wie viel Laufenergie bezogen werden muss, wie viel Speicherenergie maximal bezogen werden kann und wie viel Pumpenergie maximal angeliefert werden darf. Unterstützt von unserem Optimierungssystem wird geprüft, ob die aktuellen Einsatzpreise für die Pumpen und Generatoren unserer flexiblen Kraftwerksleistungen mit den neusten Entwicklungen immer noch passen.

Um zirka 10:40 erstellt der Händler ein Swissix Day Ahead Gebot und lädt es auf den EPEX Client hoch. Damit stellen wir sicher, dass vor der absoluten Deadline für die Gebotsabgabe um 11:00 Uhr auch bei kleineren technischen Problemen unser Angebot an der Börse steht. Materiell gibt IWB der Börse für jede Stunde eine kombinierte Angebots- und Nachfragekurve an. IWB kauft bei tiefen Preisen Strom ein, um genügend Energie für die Pumpen der Kraftwerkbeteiligungen liefern zu können. Beim maximalen Pumppreis nimmt die IWB Nachfrage um die Pumpleistung ab. Wenn die Einsatzpreise der Generatoren erreicht werden, wird IWB typischerweise vom Nachfrager zum Anbieter von Energie. Im Swissix Resultat, das ab 11:10 Uhr vom EPEX Client runtergeladen werden kann, wird für jede Stunde der Marktpreis angegeben und festgehalten, welche Leistung IWB während dieser Stunde an die Börse liefern beziehungsweise von der Börse beziehen muss.

Ein Mitarbeiter aus dem Front Office Handel während seiner Tätigkeit.

Der Händler erstellt mit dem effizienten Einsatz unserer Kraftwerke für jede Viertelstunde vom Folgetag ein ausgeglichenes Programm (IWB Produktion + Kauf = IWB Verbrauch + Verkauf). Bis spätestens um 14:00 Uhr schickt der Händler dem Übertragungsnetzbetreiber Swissgrid gemäss dem Bilanzgruppenmodell den Energieaustausch mit allen unseren Gegenparteien für jede Viertelstunde vom Folgetag. Swissgrid prüft ob alle Gegenparteien von IWB exakt die entsprechenden Gegenpositionen melden und bestätigt dies um 16:30 Uhr mit einer sogenannten Confirmation-Meldung. Meistens erhalten wir diese Meldung und der Day Ahead Prozess ist abgeschlossen. Gelegentlich muss eine Pendenz in den Intraday Prozess mitgenommen werden.

Parallel zum Day Ahead Prozess muss auch die Planung vom aktuellen Tag stetig überwacht werden. Technische Ausfälle bei Kraftwerken oder unerwartete Wetterentwicklungen (vor allem Niederschlag) können jederzeit zu Angebotsänderungen führen. Gelegentlich passiert das auch mitten in der Nacht. Zusätzlich werden Optimierungs-Möglichkeiten für unseren Kraftwerkspark am Intraday Markt genutzt. An Werktagen während den Bürozeiten wird das Geschäft für den laufenden Tag an einen Kollegen delegiert. An den Wochenenden und Feiertagen – die EPEX Swissix Auktion findet jeden Tag statt – muss sich der diensthabende Händler gleichzeitig um Day-Ahead und Intraday kümmern. Wir können dabei auf die Unterstützung unserer Netzleitstelle zählen.

Neben der Abwicklung vom ressourcen-intensiven kurzfristigem Geschäft bewirtschaften wir von der Handelsabteilung auch die langfristigen Energiepositionen von IWB. In Zusammenarbeit mit unserem Middle Office bilden wir die aktuellen Positionen von IWB ab. Am Puls vom Markt verfolgen wir die Entwicklungen am Energiemarkt und positionieren unserer Portfolio gemäss unseren Markterwartungen.

 

Wie schätzen Sie, wird der Energiehandel der Zukunft aussehen?

Franz Gloggner: Beim Strom werden die kurzfristigen Produktionsschwankungen mit dem Zubau von neuen erneuerbaren Energien zunehmen. Um diese Schwankungen mit flexiblen Kraftwerken auszugleichen, müssen die Vorlaufzeiten für das Anmelden von Handelsgeschäften am kurzfristigen Strommarkt weiter abnehmen. Damit die kürzeren Vorlaufzeiten eingehalten werden können, ist eine weitere Automatisierung vom kurzfristigen Stromhandel erforderlich.

Der Einfluss von fossilen Brennstoffen (Kohle und Gas) auf die Strompreise wird abnehmen. Beim Handelsvolumen mit Herkunftsnachweisen für Strom und Biogas erwarte ich eine deutliche Zunahme.

 

Herzlichen Dank an Franz Gloggner für die spannenden und interessanten Einblicke in die Welt des Energiehandels.

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